Gut zu wissen woher…

FRISCHESEITEN Meinung

Lidlize it…

Oberaudorf, im Herbst 2015: Seit etwa drei Wochen bin ich nun hier in einer Ferienwohnung in Oberaudorf. Sehr schön hier, tolle Menschen und Balkon gen Wilder Kaiser. Was will man mehr. Versorgt wird man auch gut. Damit das auch so bleibt wird ein wöchentliches Werbemagazin verteilt.

Ich komme morgens vom Bäcker und nehme mir unten im Eingang der Ferienanlage ein Werbemagazin plus Beilagen mit. Ich analysiere:

  • 14 Beilagen, mehr als 300 Seiten Werbung insgesamt.
  • Dominant sind eindeutig die verschiedenen Supermärkte, die in immer mehr Lebensbereiche vorrücken. Unter anderem finde ich eine Werbebeilage für Damenunterwäsche von ALDI.
  • Es fällt schon auf, dass die Wörter regional, frisch, direkt, bio und fair sehr oft verwendet werden. Dies soll dem Kunden ein gutes Gefühl vermitteln, obwohl vermutlich jeder weiß, dass dies in fast allen Fällen eine Täuschung ist.
  • All diese Supermärkte haben anscheinend dauernd irgendwelche Sonderangebote und Aktionswochen, und versuchen sich gegenseitig zu unterbieten und auszustechen. Gut so sagt der kleine Kapitalist in mir.
  • Unsere kleinen und mittelständischen Anbieter sind im Werbezirkus nur noch Zuschauer. Weder eine eigene Beilage noch eine klitzekleine Anzeige eines Bäckers, Konditors, Metzgers, Hofladens, Fischers oder ähnlichem sind zu finden.

Richtig so! Bei dem Irrsinn kann man nicht gewinnen. Wie sollte Metzger Müller auch gegen das Arsenal an Billigprodukten der Discounter ankommen. Und wer würde seine Anzeige bei diesen Papiermengen überhaupt finden? Dennoch muss man sich die Frage stellen, wie die Kleinproduzenten Werbung betreiben können? Klar gibt es noch die Kunden, die auf regionale und frische Produkte stehen und zu den lokalen Geschäften gehen. Aber wie kommt man an die teils- oder voll-lidlisierten Menschengruppen? Die, die am Stammtisch von der guten Weißwurst beim Metzger schwärmen, diese aber nur kaufen, wenn sie Besuch bekommen. Und wie oft kommt das schon vor? Daheim am Küchentisch hingegen, morgens, abends und besonders am Wochenende, dreht sich alles um den heißgeliebten Supermarkt. Da kriegst Du was Du brauchst. Schnell und billig. Eigentlich fast immer. Ich muss noch mal schnell hin!

Das digitale Zeitalter könnte helfen, das Blatt zu wenden. Das Netz gibt dem Kunden die Möglichkeit sich bewusst für oder gegen bestimmte Werbung zu entscheiden. Daneben kann der Kunde aktiv mitreden – und das Gespräch wird quasi vom Küchentisch in die digitale Öffentlichkeit verlagert. Dass viele das wollen hat zum Beispiel die Zeit-Aktion „Hier ist der nächste gute Bäcker“ gezeigt, an der 15.000 Leser mitgemacht haben, und über 2.500 Bäcker vorgestellt wurden. Dort steht etwa, dass beim Guggenbichler in Unterwössen „Brezen, Nussecken und Bienenstich“ am Besten schmecken.

Die digitale Öffentlichkeit und Transparenz hat in anderen Branchen schon längst eine Revolution ausgelöst. Denken Sie nur an die Millionen kleiner Hotels und Pensionen, die im Netz präsent sind und die man früher niemals gefunden hätte. Nun findet man im Handumdrehen ein Zimmer und hat es in einer Minute gebucht. Andere Suchende und Reisende helfen bei der Auswahl. Sie haben Recht: Ich bin ein großer Fan von booking.com und ähnlichen Portalen. Darf man doch sagen, oder? Keine Werbung, nur Inspiration.

Bei den kleineren Lebensmittelproduzenten hat diese Revolution noch nicht stattgefunden, aber sie wird kommen. Zuerst durch höhere Präsenz, Werbung und durch viel Interaktion. Denn immer mehr Anbieter sind auf den sozialen und regionalen Netzwerken im Internet aktiv. Und immer mehr werden folgen. Und durch die Kunden: Bei Lebensmitteln reden Menschen online über besonderen Dinge, die besonders gut schmecken, oder zu denen man eine besondere Beziehung hat. Für manche Menschen ist das die Breze vom Guggenbichler, für Andere die Eier vom Wiesenhausener Hofladen. Wenn Kunden oft online über regionale Lebensmittel sprechen, kann es durchaus dazu führen, dass wieder mehr Menschen bei den lokalen Anbieter einkaufen. Das ist Mundpropaganda 2.0.